Biologikal: Revolutioniert eine neue Medikamentengeneration die Rheumatherapie?

 

D, 2011, 45 Min, BR für die Reihe Gesundheit

Wenn man die Diagnose „rheumatoide Arthritis“ gestellt bekommt, im Volksmund knapp „Rheuma“ genannt, wissen die meisten Patienten schon lange, was auf sie zukommt: Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen – denn die haben die meisten Betroffenen schon seit den ersten Anzeichen der Erkrankung. Damit aber nicht genug: denn im Verlaufe der Krankheit können sich alle Gelenke verformen und versteifen. Die körperlichen aber auch seelischen Auswirkungen für die Patienten, die von dieser schweren Krankheit gezeichnet sind, sind gravierend:

Viele Patienten sind im Alltag völlig eingeschränkt: Sie können kein Brot mehr schneiden, keine Flasche mehr öffnen, sich oft nicht mehr selbstständig anziehen, kämmen oder selbständig auf die Toilette gehen. Im weiteren Verlauf der Krankheit droht nicht selten sogar der Verlust des Arbeitsplatzes. Denn viele Krankheitstage sind bei diesen Menschen die Regel, nicht die Ausnahme: Durchschnittlich sind Patienten mit einer „rheumatoiden Arthritis“ im Jahr 50 bis 60 Tage krankgeschrieben. Und viele Betroffene sind gezwungen ihre sozialen Kontakte einzuschränken, zum einen wegen der ständigen Schmerzen, zum anderen auch wegen steigender Immobilität, da das Gehen immer beschwerlicher wird. In den dramatischsten Fällen müssen die Betroffenen an Krücken gehen oder sitzen sogar im Rollstuhl.

Die klassische Medikamentenstrategie hat daher zwei Schwerpunkte: Die verordneten Medikamente sollen zum einen den Schmerz reduzieren, zum anderen die Entzündung in den Gelenken zurückdrängen. Mit anderen Worten: Die klassische Rheumatherapie leistet nur eines: Symptomlinderung – von Heilung keine Spur. Im besten Fall bleibt die Krankheit stehen – aber dies ist äußerst selten. Rheumapatienten sind chronische Schmerzpatienten.

Jetzt gibt es für diesen Patientenkreis neue Hoffnung: Die sog. Biologika. Sie sind Medikamente der neuen Generation: Die innovativen Substanzen werden gentechnisch hergestellt – basieren nicht mehr auf Chemie. Bei den Biologika handelt es sich also um Substanzen, die im Gegensatz zu den klassischen Medikamenten durch rekombinant veränderte Zellen synthetisiert werden: es sind also biotechnologisch hergestellte Medikamente. Durch die Möglichkeit der modernen Molekularbiologie können Biologika passgenau entwickelt werden und bieten dann die Möglichkeit, gezielt durch Blockade definierter Zielstrukturen in ganz bestimmte zelluläre Interaktionen einzugreifen. Biologika blockieren den Entzündungsprozess in den Gelenken, nehmen somit Einfluss auf das Immunsystem. Einfach ausgedrückt: Die Biologika unterdrücken das körpereigene Immunsystem und verhindern somit eine erneute Entzündung in den Gelenken.
Biologika haben die Behandlung entzündlich rheumatischer Erkrankungen in den letzten Jahren dadurch grundlegend reformiert. Durch den Einsatz dieser modernen Medikamente ist es erstmalig möglich, auch schwere Krankheitsverläufe in ihrer Aktivität zu stoppen.
Da die Biologika potente Medikamente sind, können auch die Nebenwirkungen gravierend sein:
Vor jeder Verschreibung von Biologika muss der/die Patient/in sowohl eine Röntgenuntersuchung als auch einen Tuberkulin-Test absolvieren, um eine mögliche Reaktivierung einer aktiven wie auch latenten Tuberkulose zu vermeiden. Erst nach eindeutigem Befund, dass keine TB vorliegt, können Biologika verordnet werden.
Darüber hinaus können Biologika noch folgende Nebenwirkungen haben:

  • Erhöhte Infektanfälligkeit, da das Immunsystem durch die Biologika geschwächt wird
  • die Bildung eines Lupus-ähnlichen-Syndromes
  • es können auch maligne Tumore, insbesondere Lymphome und Hauttumore auftreten
  • Vaskulitis.

In der Regel bekommen Patienten die Biologika dann verordnet, wenn bei ihnen die Basistherapie versagt hat.
Die Therapie mit Biologika ist extrem teuer: Die Kosten können pro Patient und Jahr bei bis zu € 20.000 liegen. Allerdings zeigte eine jüngst veröffentlichte Studie, dass die die Patienten, die mit Biologika behandelt werden, sehr viel weniger häufig krank sind: Im Vergleich zu früher (50 bis 60 Krankheitstage/pro Patient/pro Jahr) fallen bei Biologika-Patienten nur noch 25 bis 30 Krankheitstage pro Jahr an.
Insgesamt sind gegen die Rheumatoide Arthritis 9 Biologika zugelassen.
Es gibt zwei Gruppen von Biologika:

  1. die TNF-alpha-Blocker mit folgenden Substanzgruppen: Adalimumab, Certolizumab Pegol, Etanercept, Golimumab, Infliximab
  2. Weitere Biologika: Abatacept, Anakinra, Rituximab, Tocilizumab

Die Gruppe der TNF-Alpha-Blocker wird in Spritzenform (bis auf Infliximab: Darreichungsform als Infusion) verabreicht; die andere Gruppe der Biologika wird als Infusion den Patienten appliziert.

Internetadressen:
Klinikum der Universität München, Rheumaeinheit
http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Medizinische-Poliklinik-Innenstadt/de/rheumaeinheit/index.html
Deutsche Rheuma-Liga
http://www.rheuma-liga.de/home/layout2/page_sta_152.html
Was sind TNF-Alpha-Blocker?
http://www.arthritis-guide.de/medikamente/tnf.htm
Informationsforum zu den TNF-Alpha-Blocker:
http://www.tiz-info.de/

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