DER MÜHLDORFER TODESZUG

 

BEGEGNUNGEN GEGEN DAS VERGESSEN

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SENDEDATUM: 30.April.2012, 22.30 Uhr, Bayerisches Fernsehen

In den letzten Tagen vor Kriegsende, am 25. April 1945, geschieht eine der letzten verheerenden Gräueltaten der Nazis: Ein Zug verlässt mit über 3.600 KZ-Häftlingen das KZ-Aussenkommando Mühldorf. Die 60 bis 80 Waggons sollen die vorwiegend ungarischen Juden nach Süden, nach Tirol, bringen. Das erklärte Ziel der Nazis: Keiner der Häftlinge soll das Kriegsende überleben.

Laszlo „Leslie“ Schwartz ist damals 14 Jahre alt und wohl der jüngste Gefangene auf diesem Todeszug. Jahrzehnte lang hat er über die Geschehnisse dieser Odyssee durch Oberbayern geschwiegen. Erst durch die Begegnung mit jungen Menschen am Franz-Marc-Gymnasium in Markt Schwaben bricht er sein Schweigen.

Die Jugendlichen haben in jahrelangen freiwilligen Recherchen, versucht herausfinden, was sich in den letzten Kriegstagen auf den Bahngleisen, die an ihren Heimatgemeinden bis heute vorbeiführen, genau ereignete. Gemeinsam mit Leslie gehen die sechs Jugendlichen nochmals an die verschiedenen Stationen des Todeszugs, fügen zu den emotionalen Erinnerungen von Leslie Schwartz ihre eigenen Archivrecherchen bei und stossen bei ihren Gesprächen mit deutschen Zeitzeugen auch auf  „vergessenen Widerstand“.

Leslie Schwartz verlor seine ganze Familie in den Gaskammern von Auschwitz. Nur durch einen glücklichen Zufall überlebt er die Selektion an der Rampe von Auschwitz und folgt seinem Freund, als dieser auf einen Transport nach Dachau kommt. Er kommt in verschiedene Aussenlager des KZ-Dachaus in und um München, bevor er Anfang 1945 nach Mittergars deportiert wird. Dieses Konzentrationslager gehört zum Aussenkomplex Mühldorf, in dem die Nazis größenwahnsinnige Bunkeranlagen bauten, um dort ein Kampfflugzeug noch in Serie zu bauen. Es kommt nie dazu, nur über 4000 Menschen lassen an dieser mörderischen Baustelle ihr Leben.

Leslie Schwartz kommt am Abend des 25. April 1945 in Ampfing auf den Todeszug.

Unfassbar ist es für Leslie und die sechs jungen Menschen, dass der Todeszug noch mehrfach von den Alliierten in Beuerberg, Seeshaupt und Bernried beschossen wurde, wo es hunderte von Toten gab. Immer ein tragischer Irrtum: denn die Alliierten vermuteten in dem bis zu 600 Meter langen Zug Munitions- oder Truppentransporte, keinen Häftlingstransport.

Am 30. April 1945 wird Leslie Schwartz zusammen mit den anderen Überlebenden in Tutzing von den Amerikanern befreit.

Am Ende seiner  Zeitreise in die Vergangenheit steht für Leslie Schwartz, der heute in den USA und Deutschland lebt, das Verzeihen, das Vergeben:

„Markt Schwaben was really the beginning of my wonderful, wonderful experience. I am very greatful to share this experience with todays youth of Germany and it has been nothing but a healing process and I am only praying and hoping that this feeling will never leave me and it will be with me for my dying days.“

Sueddeutsche-Todezug

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© 2012 Beatrice Sonhüter | Dokumentarfilmerin & cubecom